Aromatherapie

Ätherische Öle können viel zu unserem Wohlbefinden beitragen.

Ätherische Öle haben in der kalten Jahreszeit Hochsaison – der wohltuende Geruch in Duftlampen, Bädern, usw. steigert das Wohlbefinden und hilft bei so mancher Erkältung. In der Fachwelt werden solche Anwendungen als Aromatherapie bezeichnet. Diese, ein Spezialgebiet der Pflanzenheilkunde, verwendet zur Gesundheitsförderung, zur Rehabilitation, zur Behandlung und zum Wohlfühlen 100% natürliche ätherische Öle, oft in Verbindung mit natürlichen fetten Pflanzenölen und Hydrolaten (Blütenwässer). Die Anwendungsmöglichkeiten sind vielfältig.

Ätherische Öle sind flüchtige fettlösliche Aromastoffe, die bereits bei Raumtemperatur ihren Duft entfalten. Ein ätherisches Öl, wie etwa Lavendel, Eukalyptus, Latschenkiefer, Rose oder Thymian, besteht meist aus 40 bis 200 verschiedenen Inhaltsstoffen. Die Gewinnung erfolgt für gewöhnlich durch eine Wasserdampfdestillation von Pflanzenteilen, wie Blüten, Blättern, Zweigen oder Wurzeln. Bei Zitrusfrüchten, wie Bergamotte, Mandarine oder Süßorange, wird eine Kaltpressung der Schalen durchgeführt.

Dr. Wolfgang Steflitsch, Lungenfacharzt und Vize-Präsident der Österreichischen Gesellschaft für wissenschaftliche Aromatherapie und Aromapflege, im WIRaktiv-Interview. Wie genau wirken ätherische Öle – was lösen sie in unserem Körper aus? 

Ätherische Öle besitzen einen doppelten Wirkmechanismus, der sich ergänzt und die Aromatherapie zur Ganzheitsmedizin macht, welche die Selbstheilungskräfte des Körpers fördert. Der erste erfolgt in Sekundenbruchteilen durch das Riechen, wobei der Riechnerv die Duftimpulse in zahlreiche Gehirnzentren weiterleitet. Dort befinden sich Zentren, die auf Stimmung, Gedächtnis, Schmerzwahrnehmung, Aufmerksamkeit und viele Organsysteme Einfluss nehmen. Den zweiten Wirkmechanismus stellt die pharmakologische Wirkung der Inhaltsstoffe dar, die am Ort der Anwendung stattfindet oder auch entfernt davon, weil die Inhaltsstoffe der ätherischen Öle in sehr geringen Mengen in die Blutbahn gelangen. Dabei entfalten sie je nach Wahl des ätherischen Öls eine entzündungshemmende, schmerzstillende, Viren, Bakterien, Pilze und andere Krankheitserreger bekämpfende, entspannende, schlaffördernde, anregende, verdauungsfördernde, wundheilende, entkrampfende, usw. Wirkung.

Grundsätzlich entfalten ätherische Öle als Vielstoffgemische eine große Palette an günstigen Wirkungen. Einzelnen Ölen können aber dennoch Hauptwirkungen zugeschrieben werden. Lavendel und Mandarine stehen beispielsweise für Entspannung, Stressabbau und Schlafförderung, Thymian, Eukalyptus und Latschenkiefer helfen bei Erkältungskrankheiten, Bergamotte, Neroli und Rose heben die Stimmung. 

Manchen ätherischen Ölen werden also besondere Wirkungen zugeschrieben. Gibt es Bereiche, in denen mithilfe der Aromatherapie schon besonders gute Erfolge erzielt wurden? 

In meinem Buch „Aromatherapie in Wissenschaft und Praxis“, das sich an Gesundheitsberufe und Interessierte, aber nicht an „Einsteiger“ richtet, werden viele medizinische Fachbereiche mit ausgewählten Krankheits- und Beschwerdebildern angesprochen und die empfohlene Aromatherapie mit wissenschaftlichen und klinischen Daten untermauert. Einige Beispiele dazu: Inhalationen mit Thymian, Cajeput, Eukalyptus, Myrte, Weißtanne, Oregano oder Benzoe helfen bei Husten oder Nasennebenhöhlenentzündung, Sitzbäder mit Teebaum, Thymian, Manuka, Niaouli oder Kamille blau bei Harnwegsinfekten (funktioniert auch als Einreibung am Unterbauch). Eine Raumbeduftung mit Zitrusölen und Nadelhölzern verringert die Keimbelastung in der Luft. Einreibungen (0,5 bis 3% in natürlichem fetten Pflanzenöl) mit Lorbeer, schwarzem Pfeffer, Majoran und Lavendel wirken bei Wirbelsäulen-, Muskel- und Gelenksschmerzen. Ein Riechfläschchen mit Neroli und römischer Kamille hilft bei Angst, Panik und anderen Belastungsreaktionen.

Ätherische Öle können bei vielen Leiden helfen – ist die Aromatherapie nur als Ergänzung zur Schuldmedizin zu sehen oder kann sie eventuell sogar eine Alternative sein? Und was versteht man unter „medizinischer Aromatherapie“? 

Grundsätzlich sollte bei Krankheitssymptomen immer die ärztliche Diagnose an erster Stelle stehen. Danach kann man sich nach Rücksprache mit dem Arzt überlegen, ob und auf welche Art und Weise die Aromatherapie oder Aromapflege – meist als ergänzende Maßnahme, manchmal als alleinige Anwendung – herangezogen werden kann. Viele, vor allem chronische Leiden, aber auch akute, sprechen gut auf die Aromatherapie an. Dafür sorgen oft schon allein die durchblutungsfördernden, schmerzstillenden und entzündungshemmenden Wirkungen.

Bei der „medizinischen Aromatherapie“ erfolgt die Behandlung von Krankheiten durch Ärzte. In Zusammenarbeit mit Apotheken können individuelle Rezepturen verordnet werden (sind in der Regel privat zu bezahlen). Viele Anwendungen der Aromatherapie und Aromapflege sind zuhause gut möglich. Das reicht von der Raumbeduftung mit Duftlampen, dem Riechen an Duftfleckchen oder -fläschchen über Einreibungen, Kompressen und Bäder bis hin zu Inhalationen.

Worauf muss bei der Anwendung von ätherischen Ölen besonders geachtet werden? Wie sieht es mit der Anwendung bei älteren Menschen aus? Welche Erfahrungswerte gibt es hier? 

Bei Kindern, bei älteren und bei geschwächten Menschen kommen geringe Tropfenzahlen und niedrige Konzentrationen von ätherischen Ölen zum Einsatz. Wer zum Beispiel an Epilepsie, hormonsensitiven Tumoren oder bekannten Allergien leidet, muss dies bei der Auswahl berücksichtigen. Die Häufigkeit von allergischen Reaktionen auf ätherische Öle liegt bei unter 2%. Bekannt hautreizende ätherische Öle sollten nur in verträglichen Konzentrationen verwendet werden, zum Beispiel Zimt oder Nelke. Zu Hautreizungen kann es natürlich kommen, wenn qualitativ minderwertiges oder zu altes und damit oxidiertes ätherischen Öl verwendet wird.

Ja, in vielen Fachbereichen gibt es speziell bei älteren Menschen positive Erfahrungen mit Aromatherapie und Aromapflege. Dazu zählen unter anderem Schlafstörungen, Depressionen, Demenz, Appetitmangel, Verdauungsstörungen, entzündliche und degenerative Veränderungen am Bewegungs- und Stützapparat, Schmerzen, Atembeschwerden, Wundheilungsstörungen, Reizdarm, Leberbelastung, Tumor bedingte Beschwerden und Infektionen.

Es gibt sicher Menschen, die die Aromatherapie mit Esoterik in Verbindung bringen oder sogar verwechseln – wo liegen die Unterschiede? 

Der Unterschied zwischen der oben beschriebenen Aromatherapie und Esoterik liegt im Wesentlichen in der Zielsetzung und oftmals auch in der Qualität von Produkt- und Fachkenntnissen sowie der Art der Anwendung. Niemand sollte Versprechungen machen, welche die Methode nicht halten kann. Jedes unseriöse Arbeiten mit ätherischen Ölen schadet den betroffenen Menschen und dem Ansehen dieser komplementärmedizinischen Methode.

Worauf muss man beim Kauf von ätherischen Ölen achten? 

Entscheidend ist die für die eigenen Bedürfnisse richtige Auswahl an ätherischen Ölen und die gute Qualität. Man kann sich in Apotheken, Reformhäusern und von Aromaexperten beraten lassen. Viele wichtige Informationen findet man auch auf dem Etikett, zum Beispiel deutscher und botanischer Name, Art der Gewinnung, Herkunftsland und Firma. Ätherische Öle werden in naturreiner Form für den Verkauf in kleine Fläschchen gefüllt. Da für Einzelanwendungen nur wenige Tropfen benötigt werden, sind sie meist preiswert. Viele Firmen, die gute Qualität anbieten, haben in ihrem Sortiment auch Salben, Cremes, Sprays, Lotions, Bade- und Saunamischungen, usw. In der Regel sind ätherische Öle nach der ersten Öffnung 6 Monate haltbar, durch richtige Lagerung (verschlossen, kühl, dunkel) und Minimierung des Kontaktes mit Sauerstoff kann die Haltbarkeit auf zumindest 1 Jahr verlängert werden.

Buchtipp:

Duftgeschichten für Senioren: Mit Anregungen und Rezepten aus der Aromapflege
Birgit Ebbert & Steffi Klöppel, Verlag an der Ruhr, 2016

Düfte sind besonders gut geeignet, um auch vor langer Zeit Erlebtes wieder ins Gedächtnis zu rufen. Bei Menschen mit Demenz bringen die kleinen Sinnes-Impulse oft fertig, was die Sprache nicht mehr zu leisten vermag.
16 Vorlesegeschichten verbinden schöne, fiktive Erzählungen von typischen (Alltags-)Erlebnissen mit verschiedenen Düften und Gerüchen. Jede Geschichte wird durch Ideen zur Sinnesaktivierung und Aromapflege-Rezepten aus der Hausapotheke ergänzt. 

Dr. Wolfgang Steflitsch ist Lungenfacharzt im Otto-Wagner-Spital, Wien, Wahlarzt für Lungenheilkunde mit Schwerpunkt „Medizinische Aromatherapie“ in Wien (www.aroma-med.at) und Vize-Präsident der Österreichischen Gesellschaft für wissenschaftliche Aromatherapie und Aromapflege (ÖGwA) (www.oegwa.at).