Pflege gemeinsam gut meistern

Pflegende Angehörige stehen vor vielen Herausforderungen.

Jede vierte Familie in Österreich ist mit Hilfs- und Pflegebedürftigkeit konfrontiert. Von den Pflegegeldbeziehern leben 84 % zu Hause und werden hauptsächlich von Familienmitgliedern und Freunden betreut – 46 % werden ausschließlich durch ihre Angehörigen gepflegt, 31 % nehmen zusätzlich die Hilfe mobiler Dienste in Anspruch. Wir haben mit Psychologin Martina Genser-Medlitsch vom Hilfswerk Österreich über die Herausforderungen und seelischen Belastungen, mit denen pflegende Angehörige konfrontiert sind, und über Möglichkeiten, diese gemeinsam mit den zu Pflegenden gut zu bewältigen, gesprochen. 

Die meisten hilfsbedürftigen Menschen werden zu Hause betreut, viele möchten die vertraute Umgebung auf keinen Fall verlassen. Warum ist die Sehnsucht, in den eigenen vier Wänden alt zu werden so groß? 

Wir geben unsere vertraute Umgebung nur ungern auf, weil wir sie mit Sicherheit, Geborgenheit und Intimität verbinden. In einem Pflegeheim ist man von vorerst fremden Leuten umgeben, man hat nur mehr ein Zimmer und muss einen bestimmten Tagesrhythmus annehmen – das erfordert von älteren Menschen eine große Anpassungsleistung. Das heißt aber nicht automatisch, dass sie sich im Pflegeheim nie wohlfühlen werden, denn viele lernen vor allem die sozialen Kontakte dort auch zu schätzen. Auch das Bild vom rüstig-aktiven Hochbetagten, das uns in der Welt der Werbeklischees aufgedrängt wird, trägt dazu bei. Dabei wird die statistisch belegbare hohe Wahrscheinlichkeit einer Pflegebedürftigkeit mit zunehmendem Alter gerne vernachlässigt.

Aufgrund der demografischen Entwicklung muss man fast damit rechnen, dass der Partner, die (Schwieger-)Eltern oder andere Verwandte einmal Pflege benötigen werden. Inwieweit sollte bzw. kann man sich darauf vorbereiten? 

Nicht selten lösen Gedanken an die Pflegebedürftigkeit der Partner oder Eltern Ängste aus – von der Ungewissheit, WIE das genau sein wird und ob man die Pflege und Betreuung dann „richtig“ erbringen kann, über die Sorge, dass sich der Charakter des Pflegbedürftigen vielleicht stark verändert, bis hin zum finanziellen Aspekt. Dennoch sollte man das Thema nicht verdrängen. Grundsätzlich dominieren der Wunsch und die Hoffnung, im Pflegefall zu Hause von Familienmitgliedern betreut zu werden. In der Regel sind Angehörige auch bereit, hier so gut wie möglich zu unterstützen. Allerdings sollte man aufpassen, denn zu große Erwartungen können Druck erzeugen und so schon im Vorfeld Konflikte auslösen. Wichtig zur „Vorsorge fürs Alter“ ist, dass Menschen soziale Kontakte auch außerhalb der Familie pflegen bzw. aufbauen, etwa in Vereinen, Hobbygruppen, usw., denn soziale Vereinsamung verstärkt und beschleunigt Pflegebedürftigkeit. 

„Wichtig zur „Vorsorge fürs Alter“ ist, dass Menschen soziale Kontakte pflegen bzw. aufbauen, denn soziale Vereinsamung verstärkt und beschleunigt Pflegebedürftigkeit.“

Wenn die Pflege eines Angehörigen übernommen wird – wer pflegt und wie stark verändert sich dadurch das eigene Leben?

 In rund 85 % der Fälle kümmern sich die Frauen innerhalb der Familie um pflegebedürftige Angehörige, und es sind zwei Gruppen von Frauen: Zum einen (Ehe-)Partnerinnen mit durchschnittlich 75 Jahren, die ihre Männer betreuen. Zum anderen (Schwieger-)Töchter, die ihre (Schwieger-)Eltern pflegen. Hier kann es sich um Frauen handeln, die selbst noch Kinder versorgen müssen und/oder einen Job ausüben und damit in eine Mehrfachbelastung geraten. Es trifft aber auch Frauen, die am Sprung in die Pension sind und von mehr Zeit für Reisen, Hobbys, usw. träum(t)en. In allen Fällen verschiebt sich die Alltagsperspektive der Frauen radikal.

Wieso gibt es bei der Pflege ein so großes Ungleichgewicht in Richtung Frauen? 

Dass hauptsächlich Frauen pflegen, hat mehrere Ursachen: Zunächst werden Frauen älter und Männer im höheren Alter leben auch meist in Partnerschaften. Es hat auch viel mit dem Rollenbild der Frauen zu tun. Von Frauen wird immer noch eher erwartet, sich um andere zu kümmern. Die Organisation und Erbringung von „Sorgeleistungen“ für andere ist nach wie vor eine Aufgabe, die z.B. im Haushalt großteils ihnen zugeschrieben wird. Zudem stellen Frauen auch eher diesen Anspruch an sich selbst. Faktisch kommt hinzu, dass (Schwieger-)Töchter oft Teilzeit arbeiten, während die (Schwieger-)Söhne zum größten Teil in Vollzeit zum Haushaltseinkommen beitragen. Natürlich gibt es auch Männer, die ihre zu pflegenden Angehörigen verstärkt im Alltag unterstützen. Hier haben wir die Erfahrung gemacht, dass Söhne / (Ehe-)Partner viel schneller Hilfe von außen dazu holen. Wahrscheinlich, weil sowohl die Gesellschaft als auch sie selbst beim Thema Pflege eine andere Erwartungshaltung an sich haben. 

Pflege ist anstrengend – psychisch und physisch. Was treibt Mensch an, sich, manchmal über die eigene Leistungsgrenze hinaus, um ihre Angehörigen zu kümmern? 

Auch hier spielen verschiedene Faktoren zusammen. Meist bestehen eine solide emotionale Beziehung, eine starke Loyalität verbunden mit Gefühlen der Dankbarkeit und ein hohes Verantwortungsbewusstsein. Auch ein schlechtes Gewissen über z.B. Versäumnisse der Vergangenheit verstärkt oft den Einsatz für den pflegebedürftigen Angehörigen. In kleinen (Dorf-)Gemeinschaften spielt zudem nach wie vor der soziale Druck eine Rolle, schließlich möchte man nicht als „schlechte“ Tochter dastehen, die die Mutter in ein Heim „abschiebt“. Es gibt zudem pflegebedürftige Menschen, die nur von eigenen Angehörigen Hilfe annehmen und sich beispielsweise nicht von einer Pflegerin duschen lassen möchten. Manchmal liegt ein starkes Motiv aber auch bei den Pflegenden selbst und zwar, wenn bei diesen ein überhöhter Anspruch besteht, nur sie könnten wissen, was gut für den Ehemann, die Mama oder den Papa ist, nach dem Motto „ICH kenne sie/ihn so gut, wie kein anderer“.  

Welche Alarmzeichen von Überlastung sollte man als pflegender Angehöriger auf keinen Fall ignorieren? 

Als pflegender Angehöriger bedarf es der unvoreingenommenen Beobachtung, wie die Pflege das eigene Leben beeinflusst und was sie in einem auslöst. Wenn alle meine Gedanken nur mehr um den zu Pflegenden kreisen, ich es nicht mehr schaffe, mir Zeit für mich selbst zu nehmen und Dinge zu tun, die mir Freude machen, wenn ich merke, dass ich im Umgang mit dem zu Pflegenden schnell die Geduld verliere, fahrig werde, vielleicht sogar schreie, zunehmend aggressiv reagiere oder beginne, die Vergangenheit aufzurechnen – DANN ist es schon 5 vor 12, genauso, wenn Erschöpfungszustände körperlicher Art auftreten und etwa die Leistungsfähigkeit (z.B. in der Arbeit) stark nachlässt. 

Was raten Sie Betroffenen in diesem Fall? 

Als Pflegende hat man eine Verantwortung der Familie, aber vor allem auch sich selbst gegenüber. Wichtig ist, sich selbst kritisch zu fragen, was kann und was will ich leisten. Es ist ein Zeichen von Verantwortung und Kompetenz – nicht von Schwäche – wenn man die Verantwortung und Aufgaben teilt, Hilfe holt, egal, ob es sich um psychologische, medizinische oder pflegerische Problemstellungen handelt. Auch als pflegender Angehöriger hat man das Recht auf ein eigenes Leben und z.B. auf eine vorübergehende Auszeit von der Pflege. Freiräume bewahren davor, selbst unter die Räder zu kommen. Hobbys, Urlaube oder gesellschaftliche Aktivitäten können hier helfen und Ablenkung verschaffen. Auch Orte und Menschen, wo man seinen Sorgen freien Lauf lassen kann, sind sehr wichtig – aber Achtung: dies sollten nicht automatisch die Partner oder Kinder sein, da eine Pflegesituation das Familienleben ohnehin schon stark beeinflusst. 

„Als Pflegende hat man eine Verantwortung der Familie, aber vor allem auch sich selbst gegenüber.“

Was kann man als pflegende Angehörige tun, wenn der Partner oder die (Schwieger-)Eltern fremde Hilfe, z.B. in Form von mobilen Diensten, ablehnen? 

Man sollte das Gespräch suchen, und dem zu Pflegenden erklären, ich will dich unterstützen, ich möchte, dass du lange zu Hause leben kannst, aber auch ich brauche Unterstützung, ich bin dabei, wenn die Pflegerin oder die Heimhilfe das erste Mal kommt und wir schauen gemeinsam, ob das passt. Auch sollte hinterfragt werden, warum fremde Hilfe abgelehnt wird – manchen älteren Menschen fällt es schwer, sich einzugestehen, dass sie Hilfe brauchen, andere haben das Gefühl von Ohnmacht, Scham, Bedürftigkeit und deshalb Schwierigkeiten Unterstützung „von außen“ anzunehmen. Solche Gespräche brauchen natürlich ein behutsames Vorgehen. Hilfsbedürftige Menschen sollten nicht bevormundet oder mit Überfürsorge zugeschüttet werden. Auch, wenn sie Hilfe brauchen, sind sie eigenständige Persönlichkeiten, denen man das Recht auf Selbstbestimmung zugestehen muss. Das Hilfswerk unterstützt gerne bei der Vorbereitung solcher, nicht immer einfacher, Gespräche. Und wir haben die Erfahrung, dass sich das Beiziehen von Hilfe für die Pflege-Tätigkeiten meist sehr positiv auswirkt, etwa, wenn die zu Pflegenden dann merken, dass die Tochter z.B. wieder besser gelaunt ist, wenn zusammen gelacht wird, der Fokus wieder mehr auf gemeinsam gut gestalteter Lebenszeit, wie z.B. Kartenspielen oder gemeinsamen Ausflügen, liegt. Man darf nicht vergessen, dass die Familienmitglieder in der Regel ja keine ausgebildeten Pfleger sind.

Im öffentlichen Diskurs ist das Thema Pflege durch Angehörige, wenn überhaupt, ein Randthema – und das obwohl die Menschen immer älter werden und damit zwangsläufig auch die Pflegefälle mehr werden. Wieso? 

In der Öffentlichkeit steht die Finanzierung der stationären Pflege meist im Zentrum, Pflege durch Angehörige verursacht im Gegensatz dazu keine sichtbaren Kosten. Sie wird ja primär von Frauen geleistet, das ist in etwa vergleichbar mit der familiären Kinderbetreuung früher. Hinzu kommt, dass der Umgang mit Krankheit, Verfall und Beeinträchtigung nicht wirklich ein angenehmes Diskussions- und Gesprächsthema ist. Im Gegensatz zur Erziehung, Begleitung und Betreuung von Kindern, wo in der Entwicklung stetig etwas „vorwärts“ geht, ist das bei der Pflege anders. Da ist es ein Abbau, den man begleitet. Zudem ist das Thema Pflege sehr unberechenbar, denn man kann nie genau sagen, wie schnell z.B. die Krankheit voran schreitet oder wie sich die Menschen dadurch in ihrer Persönlichkeit verändern. Da ist es leichter über Kosten von Pflegeaufwänden zu sprechen, denn diese lassen sich berechnen. 

Die Pflege eines Angehörigen ist eine große Herausforderung – wie geht es pflegenden Angehörigen im Rückblick? 

Auch wenn die Pflege oft belastend ist, sind die Resümees vorwiegend positiv. Wir hören oft: ich bin froh, dass ich die letzte Zeit mit meinem Mann/Vater/meiner Mutter verbracht habe, dass ich etwas zurückgeben konnte. Aber auch das Gefühl, die Herausforderung gemeinsam angenommen, gemeistert und so viel Kraft aufgebracht zu haben, wird als wertvoll beschrieben. Oft treten innerhalb der Familie positive Fähigkeiten zutage – etwa wenn die Enkelin mit der Oma liebevoll und geduldig Karten gespielt und ihr täglich von den Erlebnissen in der Schule berichtet hat. Viele Betroffene sagen uns aber auch, dass sie rückwirkend froh sind, sich für die klassischen Pflege-Tätigkeiten Hilfe geholt zu haben, weil die dadurch gewonnene gemeinsame Zeit besser genutzt werden konnte. 

 

 

Buchtipp:

Vielleicht sind Engel auch zrupft: Tagebucheintragungen einer pflegenden Angehörigen
Eva Hintersteininger 

Das Buch ist unter der Adresse Markt 8, 4284 Tragwein, unter Tel. 07263/88330 oder E-Mail andreas.hunger(at)gmx.at erhältlich, der Unkostenbeitrag beträgt € 12,-, zuzüglich Porto. 

In ihrem jetzt als Buch erschienen Tagebuch gibt die pensionierte Religionslehrerin berührende Einblicke in den Alltag einer pflegenden Angehörigen. Eva Hintersteininger berichtet über 30 Jahre Pflege ihrer kranken und hilflos werdenden Eltern, der ebenfalls völlig auf Hilfe angewiesenen Tante sowie ihres mehrfach schwer beeinträchtigten Bruders. Unverblümt ehrlich erzählt sie von den Herausforderungen, die die Pflege alter und kranker Angehöriger mit sich bringt – von Momenten des Nichtmehr-Könnens und der Überforderung, aber auch von schönen und humorvollen Erlebnissen. Ihre Kraft hat sie stets aus ihrem tiefen Glauben, der Familie und aus Freundschaften gezogen. Ein Plädoyer für die Pflege im eigenen Familienverband. 

Mag. Martina Genser-Medlitsch, Klinische und Gesundheitspsychologin hat langjährige Erfahrung in der Beratung und Begleitung von
pflegenden Angehörigen und Pflegepatienten. Seit 2016 leitet sie den Fachbereich Kinder, Jugend, Familie und Psychosoziale Dienste beim Hilfswerk Österreich.