Durch die dunkle Jahreszeit

Anzeichen und Präventionsmöglichkeiten bei der Winterdepression.

Wer kennt sie nicht, die gedrückte Stimmung, wenn im Herbst die Nächte länger und die Tage kürzer und finsterer werden. Es ist auch nichts Außergewöhnliches, an trüben Tagen nicht immer in Bestform zu sein und nicht dieselbe Energie zu verspüren, wie an schönen, sonnigen Frühjahrs- und Sommertagen. Wem der Lichtmangel allerdings so zu schaffen macht, dass er sich permanent müde, antriebslos, erschöpft und deprimiert fühlt, der zeigt Symptome einer sogenannten Winterdepression und diese gehört behandelt. 

Die Winterdepression – und das ist ein wesentlicher Unterschied zu einer normalen Depression – ist saisonal abhängig, das heißt sie tritt ausschließlich in den Herbst- und Wintermonaten auf. Sobald die Tage wieder länger werden und das Licht wieder mehr wird, verschwinden die Symptome. Aber was genau ist eine Winterdepression und was können Betroffene dagegen tun? 

Univ.-Doz. Prof. Dr. Werner Schöny ist Experte für Psychiatrie und Psychotherapeutische Medizin und Präsident von pro mente Oberösterreich. Wann spricht man eigentlich von einer Winterdepression und wodurch wird diese ausgelöst?  

Ein bisschen spüren wir das doch alle in unseren Breitengraden. Im Herbst werden die Tage immer kürzer und grauer, das Licht wird weniger, das Wetter schlechter und man kann weniger draußen sein. Das drückt aufs Gemüt. Schlechtere Stimmung und weniger Tatendrang heißen aber nicht automatisch, dass man unter einer Winterdepression leidet. Von einer echten Winterdepression spricht man ab dem Zeitpunkt, wenn die Symptome so stark sind, dass das Alltags-, Familien- und Berufsleben beeinträchtigt wird. Das heißt zum Beispiel, dass die Betroffenen oft nicht mehr aus dem Haus gehen, sich von der Umgebung abkapseln oder sogar arbeitsunfähig werden. 

Selbstverständlich spielen auch Faktoren wie Stress oder Konflikte im familiären oder beruflichen Umfeld eine Rolle und können das Entstehen einer Winterdepression fördern. Die Hauptursache ist aber der Mangel an Licht in der kalten Jahreszeit. Das Hormon Melatonin, das für den Tag-Nacht-Rhythmus in unserem Körper verantwortlich ist, wird nur bei Dunkelheit produziert. Durch die längere Finsternis bleibt daher in den Herbst- und Wintermonaten der Melatoninspiegel auch tagsüber erhöht, wodurch ein vermehrtes Schlafbedürfnis entsteht. Gleichzeitig geht mit einem hohen Melatoninspiegel ein niedriger Serotoninspiegel einher. Mangelt es uns an Serotonin, das als „Gute-Laune-Hormon“ gilt, wirkt sich das negativ auf unsere Stimmung aus. 

Schlechte Stimmung, Schlaflosigkeit, Rückzug – einige Anzeichen für eine Winterdepression wurden schon angesprochen. Woran erkennt man, dass man an einer Winterdepression und nicht an einer anderen Depression leidet – wo liegen die Unterschiede? 

Natürlich können sich Symptome vermischen und Depressionen ineinander übergehen, vor allem, wenn Betroffene mit Grundkonflikten zu kämpfen haben, die nicht gelöst werden können. Aber grundsätzlich kann die Winterdepression anhand der Symptome und saisonalen Abhängigkeit sehr gut von anderen Depressionen unterschieden werden. Betroffene klagen über Antriebslosigkeit, Lustlosigkeit, Müdigkeit, haben keine Lust auf Bewegung und vernachlässigen soziale Kontakte. Charakteristisch ist zudem ein vermehrtes Bedürfnis nach Essen und Schlaf. Dagegen stehen bei anderen Depressionsformen Angst, Schlafstörungen und Appetitlosigkeit im Vordergrund. Darüber hinaus beschränken sich die Symptome der Winterdepression – wie der Name schon sagt – auf eine gewisse Jahreszeit. Die Winterdepression beginnt in der Regel Ende Oktober/Anfang November, nach Weihnachten, wenn das Licht wieder mehr wird, bessern sich die Symptome und klingen in den Folgemonaten zur Gänze ab. Auch die jeweiligen Witterungsverhältnisse spielen hier eine Rolle. Wenn beispielsweise viel Schnee liegt, dann ist es heller, was sich in diesem Fall positiv auswirkt. 

Wichtig ist auch zu wissen, dass Betroffene nicht automatisch jeden Winter unter der Depression leiden. Wer eine Neigung hat, kann zwar durchaus jeden Winter leichte Anzeichen feststellen, aber die Symptome müssen nicht immer so stark sein, dass sie klinisch relevant sind. 

Der Lichtmangel im Winter trifft uns alle gleichermaßen – dennoch leidet nicht jeder an einer Winterdepression. Gibt es hier gewisse Risikofaktoren, besonders bei älteren Menschen? 

Es gibt natürlich Menschen, die eine größere Anfälligkeit zeigen. Im Allgemeinen gilt, dass jeder dritte bis vierte Mensch einmal in seinem Leben depressiv wird – ich spreche hier von allen Depressionsformen. Frauen sind in der Regel häufiger betroffen, allerdings haben wir hier auch festgestellt, dass diese eher dazu stehen, an einer Depression zu leiden und dadurch auch früher in Behandlung gehen. Ältere Menschen haben schon aufgrund der Lebensumstände im höheren Alter ein höheres Risiko an einer Winterdepression zu erkranken als jüngere. Viele leiden an Einsamkeit, dem Mangel an sozialen Kontakten oder Krankheit. Diese Faktoren spielen oft ineinander und werden in der kalten Jahreszeit verstärkt – wenn man gebrechlich ist, wird man im Winter noch weniger rauskommen als bei besseren Witterungsbedingungen. Es hat sich auch immer wieder gezeigt, dass aktive Senioren, die Bewegung machen und ein gutes soziales Netzwerk haben, deutlich weniger oft betroffen sind. 

Ein Faktor, der hier natürlich auch mitwirkt, ist das Klima. So ist die Winterdepression in südlichen Ländern so gut wie unbekannt, während sie beispielsweise in den skandinavischen Ländern sehr häufig auftritt. Gerade nördliche Länder, wo die Sonne im Winter häufig gar nicht zu sehen ist, weisen zu dieser Jahreszeit eine hohe Selbstmordrate auf. 

Nun kommt der Winter alle Jahre wieder. Welche Möglichkeiten haben betroffene bzw. gefährdete Menschen einer Winterdepression vorzubeugen? Welche Behandlungsmöglichkeiten gibt es, sollten die Symptome dennoch verstärkt auftreten? 

Ja, ich persönlich halte sehr viel von Vorbeugung – und zwar mit Licht, frischer Luft, Bewegung und dem Pflegen sozialer Kontakte. Wer merkt, dass er in der kalten Jahreszeit leicht von trüber Stimmung heimgesucht wird, sollte mit diesen Mitteln bewusst gegensteuern. Auch wenn der Himmel bedeckt ist, sollte man raus in die frische Luft gehen, am besten zur Mittagszeit. Denn ein bisschen Helligkeit und vielleicht sogar Sonne sind besser als nichts. Auch Saunagänge oder Kalt-warm-Duschen helfen gegen depressive Stimmung. Als sehr wirksame Behandlung hat sich die Therapie mit Tageslichtlampen erwiesen, denn damit kann der Tag künstlich verlängert werden. In den meisten Fällen hilft es schon, sich jeden Tag 30 Minuten bis zu einer Stunde vor eine Tageslichtlampe zu setzen. Die Lichttherapie ist auch deshalb vorteilhaft, weil man sie mit einer anderen Tätigkeit kombinieren kann, beispielsweise mit dem Frühstück, dem Lesen eines Buches oder auch mit der Arbeit. Sollte es nicht gelingen, die Winterdepression auf diese Art und Weise in den Griff zu bekommen, muss sie medikamentös behandelt werden. 

Univ. Doz. Prof. Dr. Werner Schöny wurde 1945 in Ried im Innkreis geboren. Er war Primar für Psychiatrie und Psychotherapeutische Medizin in der Wagner-Jauregg-Klinik, deren ärztlicher Leiter er von 1992 bis 2011 war. Zudem ist er Präsident von pro mente Oberösterreich (© pro menge).